Plenum 1

Konzepte und Methoden des Polarisierens

Wie entsteht Polarisierung in der Gesellschaft und in der Soziologie, und wie hängt das eine mit dem anderen zusammen? In diesem Plenum geht es um das Wissen und die Praktiken des Polarisierens in Gesellschaft und Gesell­schafts­wissenschaft. Es untersucht zum einen die polarisierenden Prozesse und Techniken, die Gesellschaftsmitglieder anwenden. Zum anderen nimmt es aber auch die Verfahren in den Blick, die in der Soziologie selbst dazu bei­tragen, konkurrierende wissenschaftliche Positionen, methodologische oder theoretische Grundhaltungen in ein antagonistisches Verhältnis zu brin­gen. Im Zentrum des Plenums sollen also weniger spezifische Po­la­ri­sie­rungs­phänomene als vielmehr die Arten und Weisen stehen, mit denen Ge­sell­­schaftsmitglieder und eben auch Soziolog*innen diese herstellen.

Mit einer solchen Betrachtung rückt auch der Begriff der ›Polarisierung‹ selbst in den Fokus der Diskussion: Konstitutiv für Polarisierungsprozesse sind zum einen ein paradoxes Verhältnis der wechselseitigen Bekämpfung und intensiven Bezugnahme, durch das sich ›polarisierte Welten‹ in ihrer Ge­­­gensätzlichkeit hervorbringen, und zum anderen die Herausbildung eines kom­munikativen Vakuums, das den Austausch und eine Positionierung zwi­schen den Polen verunmöglicht. Während ›Polarisierung‹ als gesellschaftlicher Terminus meist sozial unerwünschte Phänomene der Spaltung bezeichnet, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen, können dieselben Phä­no­mene aus einer gesellschaftsanalytischen Perspektive auch als Symptome bzw. Ver­stärker von Neuordnungsprozessen untersucht werden. Dies impliziert die Frage, von welcher Position aus Polarisierung überhaupt als proble­ma­tisch markiert wird.

Auch die Wissenschaft kann in den Bann wissenschaftsexterner oder
-in­terner Polarisierungen geraten. So sind gegenwärtig etwa Klima, Ge­schlecht oder Migration nicht nur zu gesellschaftlich umstrittenen Topoi, son­dern auch zu kontroversen Forschungsgegenständen geworden, an de­nen politische wie wissenschaftliche Positionen um gesellschaftliche Deu­tungs­macht ringen. In der Geschichte der Soziologie zeigen sich Kon­junk­turen der Polarisierungen etwa anhand von wiederkehrenden Konkurrenzen um theoretische und methodologische Geltungsansprüche.

Der hieraus resultierenden Fragen nimmt sich das Plenum an: Unter wel­chen Bedingungen werden Differenzen zu Gegensätzen und wie genau ge­schieht das? Auf welche Weise hängen Polarisierungserscheinungen in der So­ziologie mit allgemein gesellschaftlichen Polarisierungsprozessen zusam­men? Wie beeinflusst Polarisierung die Wissenschaftspraxis der Soziologie, ihre Theorie- und Methodenentwicklung und schließlich das von der So­zio­logie offerierte Wissen zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung? In wel­chem Verhältnis stehen die gesellschaftlichen und die gesellschaftsanalytischen Ver­fahren, mit denen die Teilnehmer*innen Polarisierungen hervorbringen? In­wieweit bedingen sie einander wechselseitig?

Das Plenum stellt eine Beziehung zwischen gesellschaftlichen und gesell­schafts­­analytischen Methoden und Konzepten des Polarisierens her und lädt da­zu ein, die soziale Grammatik der Polarisierung und ihre trans­forma­to­rischen Dynamiken in der Soziologie auf den folgenden Ebenen zu un­ter­suchen:

  • als sozialer Kontext, der soziologisches Forschen in spezifischer (histo­risch und kulturell kontingenter) Weise rahmt und moduliert
  • als epistemischer Prozess der Transformation von Wissensordnungen
  • als analytische Perspektive zur Untersuchung von Prozessen der Mobili­sie­rung, Segre­gation, Alterisierung bzw. der Umordnung
  • als methodische/methodologische Herausforderung, Praktiken der Po­la­ri­sierung empi­risch zu erforschen.

Mögliche Leitfragen sind:

Zu welchen Zeiten, in welchen Bereichen war/ist Soziologie selbst Teil gesell­schaftlicher Polarisierungsprozesse? Wie verändern Polari­sie­rungs­phä­no­mene die Rolle und Funktion der Soziologie in Gesellschaft bzw. ihre er­kennt­nis- und sozialtheoretischen und methodologischen Grundlagen? Was be­­deuten etwa gegenwärtig international beobachtbare, polarisierende Ein­schränkungen der Wissenschaftsfreiheit für soziologische Theorie­ent­wick­lung, Lehre und Forschung?

Auf welche Wissensbestände greifen Akteur*innen zurück und welche Ver­­fah­ren wenden sie an, um Polarisierungen herzustellen? Über welches ›Po­la­risierungsinventar‹ (zum Beispiel Typenbildung, dualistische Denk­figuren) verfügt die Soziologie?

In welchen Konkurrenzverhältnissen vollzieht sich Polarisierung bzw. wel­­che formiert sie? Welche Ein- und Ausschlüsse werden in polarisierten Wir-Konstellationen wirksam? Wie verändern sich durch Polarisierung Ka­pi­tal­­allokationen in Gesellschaft (politische Kräfteverhältnisse, Kriterien der Zugehörigkeit und Geltung, Diskursordnungen) und Gesell­schafts­wis­sen­schaft (zum Beispiel Drittmittel, Stellen, Prestige, machtpolitische Schlüs­sel­positionen, Methoden- und Theoriekanon)?

Ausrichtende Sektionen:                

  • Methoden der qualitativen Sozialforschung
  • Soziologiegeschichte
  • Kultursoziologie
  • Methoden der empirischen Sozialforschung
  • Wissenssoziologie

Jury: