Plenum 2

Plenum 2 Innergesellschaftliche Pluralisierungen und Polarisierungen: Gruppen, Identitäten, Milieus

Innergesellschaftliche Pluralisierungen und Polarisierungen: Gruppen, Identitäten, Milieus

Innergesellschaftlich ist spätestens seit den 1980er Jahren die Ver­viel­fachung und Intensivierung von Debatten, politischen Forderungen und von so­zia­len Bewegungen zu beobachten, die als identity politics bezeichnet werden. Dieses framing mag falsch oder nur bedingt richtig sein. Es verweist aber sicher darauf, dass das ›Wer‹ des ›Was‹ – des Politischen, des Rechts, der Ökonomie, der Kultur usw. – zum umkämpften Politikum wird. Als ›Wer‹ also erlangen Menschen etwa Rechte, Anerkennung, Inklusion – oder erleiden zum Beispiel Exklusion, Missachtung, Prekarisierung?

Diese Dimension des Politischen ist mitnichten neu. Sie begleitet die Mo­derne schon lange, ob in der Dialektik der ›Klasse an zur Klasse für sich‹ (Marx), als konfliktreiche Auseinandersetzung innerhalb sozialer Bewe­gun­gen, oder als intellektuelle und forschungsbasierte Kritik an ideologischen Uni­versalisierungen und Verdinglichungen des ›Subjekts‹. Aus Plura­li­sie­rungs­dynamiken resultieren erhebliche Polarisierungen: Von eman­zi­pa­to­ri­schen politischen Bewegungen generiert, münden Angriffe gegen die so­ge­nann­te ›Identitätspolitik‹ und ebenso auch identitätspolitische (›identitäre‹) Be­wegungen in sprachliche und körperliche Gewalt. So sehr die Frage nach dem ›Wer‹ des Politischen ein basso continuo der Moderne ist, so spezifisch sind die Thematisierungen und Politisierungen von ›Identität‹ und Grup­pen­zu­gehörigkeit je nach gesellschaftlicher Situation. Dieser Spannung und die­sen konkreten Formen will das Plenum in theoretisch-konzeptueller wie em­pi­rischer Hinsicht nachgehen. Es geht zudem davon aus, dass ›Identität‹ ein keineswegs trivialer, klarer Sachverhalt ist, sondern soziologisch wie auch lebensweltlich notorisch unklar sowie hoch voraussetzungsreich.

Es lässt sich hier auch fragen, ob und inwiefern ›Identität‹ ein sozio­lo­gisch überhaupt sinnvoller Begriff sein kann – oder eher nicht. Ungeachtet des­sen scheint die Behauptung einer individuellen ›Wahl‹ von Identität auf der einen (idealtypischen) Seite und das Begehren nach sicheren kollektiven Zu­gehörigkeiten und individuellen Eindeutigkeiten auf der anderen Seite charak­teristisch für unsere Gegenwart. Hinzu kommt: In diesen Zusammen­hän­gen ist die Soziologie nicht nur eine unbeteiligte Beobachterin. Sie ist selbst ak­tiver wie passiver Teil dieser Spannung; ist selbst in identitäts­po­li­ti­sche De­batten verwickelt; steht mit ihren theoretischen wie auch metho­dolo­gi­schen und gesellschaftsanalytischen Beiträgen und De­bat­ten nicht jenseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das Plenum widmet sich der Frage, aus welchen gesellschaftlichen Grün­­den und mit welchen Dynamiken die aktuellen Thematisierungen und In­­an­spruchnahmen sowie die Pluralisierungen von ›Identitäten‹ (von Ge­schlecht, Ethnizität, Alter, Sexualität, Klasse/Schicht usw.) zu teils er­heb­lichen gesellschaftlichen Polarisierungen führen. Es fragt unter anderem da­nach, wie die Affekte und die diskursive und physische Gewalt zu erklären sind, die sich mit solchen Thematisierungen verbinden. Es fragt auch, wie die Soziologie selbst beteiligt ist an Identitätspolitiken – nicht nur an ›Grup­pis­­men‹, sondern natürlich auch an deren Kritik; und wie sich mit ihren Epi­ste­­mologien, Grundbegriffen und Kategorisierungen durchaus auch selbst ge­­sellschaftlich engagierte, normative Positionierungen verbinden.

Verantwortlich im Vorstand:     

Paula-Irene Villa Braslavsky

Jury: