Plenum 3

Plenum 3 Umkämpfte Werte – umkämpfte Diagnosen: Geschlechtergerechtigkeit als gesellschaftlicher Konflikt in Europa

Umkämpfte Werte – umkämpfte Diagnosen: Geschlechter­gerechtigkeit als gesellschaftlicher Konflikt in Europa

Die vergangenen Jahrzehnte waren von einer Abfolge unterschiedlicher Kri­sen in der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten geprägt. An­ge­fan­gen bei der Wirtschafts‐ und Fiskalkrise seit Mitte der 2000er Jahre über die so­­­genannte Flüchtlingskrise seit 2015 bis hin zur jüngsten Covid‐19‐Pan­de­mie hangelten sich europäische Politik und Gesellschaften von einem Aus­nah­me­zustand zum nächsten.

All diese Krisen zeichneten sich durch eine bestimmte geschlechter­spe­zi­­­fische Konstellation und grassierende Geschlechterungleichheiten aus: Über Mi­grantinnen und weibliche Geflüchtete wird seltener berichtet und sie wer­den im medialen Diskurs eher viktimisiert als Männer; Frauen haben eher für Remain als für Leave beim Brexit‐Referendum gestimmt; sie waren über­­­mäßig stark von Lohnkürzungen und prekären Arbeitsverhältnissen wäh­rend der Eurokrise betroffen, sie tragen die meiste und doppelte Ar­­beits­leis­tung (care work und Lohnarbeit) während der COVID‐19‐Pan­de­mie und ar­bei­ten noch dazu häufiger in Dienstleistungs‐ und Pflege­be­ru­fen für Kran­ke, Kin­der und ältere Menschen. Diese Krisenphänomene kom­men zu den be­stehenden Ungleichheiten in Bezug auf Lohn (gender pay gap) und Er­werbs­kar­rieren, Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsplatz, un­gleiche Re­­­prä­sentation und Partizipation in Politik, Wirtschaft und Kultur und sexu­el­le Be­lästigung und Gewalt gegenüber Frauen noch hinzu und ver­stär­ken diese. Frau­en sehen sich also vielfachen Konflikten gegenüber und sind mit so­zia­len, kulturellen und ökonomischen Un­gleich­heits­kon­stel­la­tio­nen kon­fron­tiert.

Gleichzeitig mobilisieren rechtspopulistische, ultra‐konservative, christ­lich‐fundamentalistische und anti‐feministische Akteure und Gruppen mas­siv gegen zentrale gesellschaftliche Werte wie die Gleichberechtigung der Frau, Selbstbestimmung der sexuellen Identität sowie Politiken wie der Le­ga­­­­lisierung von Abtreibung, Anerkennung und Gleichstellung gleich­ge­­schlech­­t­licher Ehe und Partner*innenschaften, einer gendersensiblen Spra­che sowie eine Erziehung und Bildung im Sinne der sexuellen Auf­klä­rung. Diese Kampagnen und Mobilisierungen gegen Frauen und femi­ni­sti­sche An­­­­liegen sind nicht beschränkt auf ein europäisches Land oder eine Alters­grup­pe und sind sowohl in traditionellen als auch in sozialen und digi­ta­len Medien präsent. Auch wenn laut jüngster Umfrageergebnisse der Wert der Gleich­heit der Geschlechter hohe Zustimmung in der Bevölkerung ver­schiedener europäischer Länder erhält, scheinen die Konflikte um Gender zu­nehmend zu polarisieren und Teile der Gesellschaft zu radikalisieren.

Vor diesem Hintergrund widmet sich dieses Plenum folgendem Fragen­kom­­plex: Die hohe Befürwortung von Geschlechtergleichheit in der Ge­sell­schaft steht nicht nur im Kontrast zu bestehenden vielfältigen Ge­schlech­ter­ungleichheiten, sondern auch zur massiven Mobilisierung gegen Gender(-the­­men) durch verschiedene gesellschaftliche und politische Akteure. Wie las­­sen sich diese unterschiedlichen Beobachtungen verstehen und aus ver­schie­­de­nen soziologischen Perspektiven erklären? Dazu la­den wir Vor­schlä­ge ein, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Zu­sam­men­hängen zwi­schen manifesten Geschlechterungleichheiten, gesell­schaft­lichen Orien­tie­run­­gen und Werten, politischer Mobilisierung und Kon­flik­ten und/oder me­dialen Diskursen um Gender in Europa widmen.

Ausrichtende Sektionen:            

  • Europasoziologie
  • Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse

Jury: