Plenum 4

Plenum 4 Globale Polarisierungen: Postkoloniale Verhältnisse und die Soziologie

Globale Polarisierungen: Postkoloniale Verhältnisse und die Soziologie

Die Dekolonisierung, die weltweit seit den frühen 1960er Jahren einsetzte, sowie die seit den späten 1970ern sich entfaltenden, de- und postkolonialen Theorie- und Forschungs-Perspektiven haben die Soziologie (in Theorie und Methodologie) und die von ihr untersuchte ›Moderne‹ herausgefordert, und fordern sie weiter heraus.

Ein wesentliches Thema war und ist, dass die koloniale Herrschaft, diese Schattenseite der europäischen ›Moderne‹, in der Soziologie und insgesamt in der europäischen Wissensproduktion mehrheitlich unerwähnt bleibt – während sie doch konstitutiv für die kapitalistische und für die kulturelle und normative Modernisierung gewesen sei. Bei dieser ›Kolonialität der Mo­der­ne‹ handelt es sich der postkolonialen Perspektive zufolge zudem nicht um ab­geschlossene Ereignisse. Es geht um global weiterwirkende Macht- und Herr­schaftsverhältnisse, die nicht nur hinsichtlich ihrer Verflechtungen, son­dern ebenso hinsichtlich inner- und zwischengesellschaftlicher Pola­ri­sie­run­­gen zu untersuchen sind. Das gilt etwa für Konflikte um das kulturelle Erbe und die Dekolonisierung der Geschichte; Konflikte, die sich aus den Krie­­gen und der Verarmung von Gesellschaften ergeben – als Spätfolge der Ko­­lo­nisierung und als Folge aktueller kolonialistischer Machtverhältnisse (des international betriebenen Bergbaus in Afrika und Südamerika zum Beispiel). Zu denken ist auch an die (auch innergesellschaftlichen) Migra­tions­­bewegungen und daran anschließende Polarisierungen von Stadt und Land, Zentren und Peripherien; an kulturelle und religiöse, inner­ge­sell­schaft­­­liche Polarisierungen (erneut als Spätfolge kolonialer Verhältnisse), oder an solche, die aufgrund der ungleichen Ursachen und Wirkungen des Klima­­wandels gegenwärtig auftreten. Das zweite wesentliche Thema der post­­kolonialen Kritik ist ›epistemische Gewalt‹. Das europäische Wissen ge­ne­rell und das soziologische Wissen speziell sind dieser Kritik zufolge tief ver­­knüpft mit der herrschaftsförmigen Universalisierung des gleichwohl par­­ti­kularen, eurozentrischen Blicks. Für die Soziologie gilt dies nicht nur, weil sie zuweilen immer noch dazu tendiert, nichteuropäische Gesell­schaf­ten als ›vormoderne‹ zu verstehen, oder diese, deren Subjekte und Wis­sens­for­­men auszublenden – sondern auch, weil die Soziologie in ihren Methodo­lo­­gien und Wissenschaftstheorien die universelle Gültigkeit des eigenen, als ›objektiv‹ verstandenen Wissens in Anspruch nimmt.

Neben der Reflexion auf die blinden Flecken des Faches, zu der die post­ko­lo­niale Perspektive derart einlädt, lässt sich auch argumentieren, dass diese Kri­tiken selbst Teil und Ausdruck der Moderne und des soziologischen Wis­sens sind – etwa als post-/de- oder antikoloniale Soziologien. Beides gilt es (über die postkoloniale Theorie hinaus) selbstkritisch in die Disziplin ein­zu­bauen: moderne Gesellschaft als koloniale Herrschaft ebenso wie auch die Fähigkeit und Wirksamkeit der soziologischen (Selbst-)Kritik. Emanzipation und Herrschaftskritik, plurale Epistemologie und Universalismus, Men­schen­­rechte für alle und kritisches Wissen: Dies sind moderne Versprechen und sie gehören auch zur Textur der Soziologie. In diesem Lichte stellt sich die Moderne und auch die Soziologie komplexer dar, als es manch pro­gram­ma­ti­scher Text behauptet. (Womöglich wäre von Dialektik und Span­nung eher zu sprechen, als von Polarisierung?)

Dem Plenum geht es derart um differenzierte Auseinandersetzungen mit postkolonialer/n Soziologie(n), um ein produktives Verhältnis von Sozio­lo­gie und dem postcolonial turn; um theoretische, empirische, und metho­do­lo­gi­sche Beiträge zu einer weniger eurozentrischen, mit weniger epistemischer Ge­­­walt einhergehenden Disziplin; und um Beiträge, die sich dieser Pola­ri­sie­rung – der postkolonialen globalen Situation – in paradigmatischer Weise wid­­men und sie zum Zentrum der Gesellschaftstheorie machen. Möglich sind schließlich auch Vorträge, die (gegen die postkoloniale Kritik) den Bei­trag der Soziologie zu Analyse und Kritik (nach-)kolonialer Macht und Pola­ri­­sierung zeigen – wie sie in besonderem Maße die französische Gesellschaft (infolge ihrer Verstrickung in den Algerienkrieg) hervorgebracht hat.

Verantwortlich im Vorstand:     

Manuela Boatcă

Jury: